Wie ein bekiffter Phönix
Sie zählt zu den erfolgreichsten Synthpop-Gruppen aller Zeiten. Mit ihren Hits „Forever Young“ oder „Big in Japan“ wurde Alphaville weltberühmt. Mit Provocateur Plauderte Frontman Marian Gold über sein Leben und testete die aktuellen Modetrends am eigenen Leibe. Wir trafen den Sänger in Berlin.










Es ist 9 Uhr früh, als wir zur Köpenicker Straße 73 kommen. Wir stehen vor einem ehemaligen Heizkraftwerk und dem heute wohl bekanntesten Techno-Schuppen Berlins, dem Tresor-Club. Heute treffen wir Marian Gold, den Frontman von Alphaville, für ein Fotoshooting. Tresor-Manager Rick Kay empfängt uns mit etwas müden Augen, schließlich steckt ihm noch die letzte Partynacht in den Knochen. Er geleitet uns ins Innere des Techno-Clubs; es ist stock-dunkel, kaum zu glauben, dass draußen die Sonne scheint. Doch der marode Charme des Gebäudes und die Spuren der gestrigen wummernden Elektro-Fete ziehen uns gleich in ihren Bann. Der Geruch von Schweiß tanzender Techno-Jünger und der ausgedämpften Zigarette liegt in der Luft. Dann erscheint Marian Gold am Set. Plötzlich steht der Mann vor uns, der so viele Male in seinem Leben ein Millionenpublikum mit seinen Welthits begeisterte.
Ganz in schwarz gekleidet, lässig eine Zigarette im Mundwinkel, begrüßt er uns mit einem verschmitzten Lächeln: „Lasst uns loslegen!“ Jetzt muss alles schnell gehen, schließlich hat Marian Gold genau drei Stunden Zeit, dann muss er wieder zurück ins Studio, um mit seiner Band zu proben. Trotz der knappen Zeit läuft das Shoot wie am Schnürchen. Der Sänger lässt jede Strapaze völlig gelassen über sich ergehen. Ein kurzer Blick auf die Kleiderstange mit den vielen Outfits der Modesaison macht Marian Gold sofort klar, dass er heute nicht nur als Star, sondern auch als Model vor der Linse stehen wird. Kein Problem für den Sänger: „Super! Ich liebe es, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Schon als kleiner Junge haben mir die Verkleidungsorgien im Fasching einen Riesenspaß bereitet.“
Ohne Hemmungen lässt der Künstler seine Hüllen fallen und streift sich die Jeanshose von Ermenegildo Zegna über. Was bedeutet Mode für Marian Gold? „Ich finde es toll, wenn Leute auf gute Kleidung achten. Marke ist aber nicht wichtig. Ein Punker auf der Straße kann in meinen Augen genauso interessant gekleidet sein wie ein modeaffiner Businessmann. Die Mischung macht’s“, verrät der Künstler. „Überall in Deutschland gibt es interessante Modeströmungen. Ob Hamburg, München oder Berlin: Die Leute ziehen sich in jeder Stadt anders an. Das finde ich spannend. Hauptsache, man zeigt Mut zur Mode und ist nicht langweilig gekleidet.“ Die passende Uhr darf natürlich nicht fehlen. Beim Anblick des aktuellen Modells von Corum, der „Admiral’s Cup Deep Hull 48“, kommt der Alphaville-Gründer sofort ins Schwärmen: „Eine Uhr ist für mich mehr als ein Accessoire. Sie ist ein persönlicher Gegenstand. Ich könnte nie eine Uhr tragen, die nicht mit einer Geschichte verbunden ist.“
Privat besitzt der Sänger zwei Uhren. Eine CWC-Fliegeruhr, die einst von amerikanischen Piloten getragen wurde, und die legendäre Monduhr von Omega. „An der CWC hängt mein Herz besonders, weil ich verdammt lange nach der Uhr gesucht habe. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich hab sie damals am Handgelenk von Eff Jott Krüger, dem Gitarristen von „Ideal“, gesehen und wusste: Die muss ich haben. Im Endeffekt hab ich fünf Jahre gebraucht, um genau dieses Modell zu finden.“ Und die Omega? „Bei meiner Moonwatch fasziniert mich die Gravur auf dem Gehäuseboden: The first watch worn on the moon. Das ist doch mal eine Geschichte!“
Marian Gold liebt die Arbeit vor der Kamera. Jede Pose sitzt perfekt, der Synthpop-Star bewegt sich total unbefangen – „forever young“ eben. Apropos Synthpop: „Ich hasse die Bezeichnung. Das Wort klingt einfach scheußlich“, betont er. „Wir machen Popmusik, romantisch und total melodieverliebt. Die Musik von Alphaville würde ich eher als New Romantic bezeichnen.“ Warum spricht jeder von Synthpop? „Natürlich haben wir mit Synthesizern und Rhythmusmaschinen begonnen zu arbeiten. Viele Leute waren in der gleichen Situation wie wir: konnten nicht spielen und haben aus der Not zu Synthesizern gegriffen. Unterm Strich kamen bei uns Welthits raus“, verrät Marian Gold. „Ein Künstler darf alles verwenden, was er für seine Kunst braucht. Egal, ob Axt oder Kaffeemaschine: Wenn ich das für einen guten Sound brauche, dann benutze ich es auch.“
Locationwechsel. Neues Outfit, neue Uhr. Ab in den Tresorkeller, den wir nur über einen 30 Meter langen Tunnel erreichen können. Dort wartet das nächste Set auf uns. Es riecht nach einer Mischung aus Tanzschweiß und Alkohol. Man spürt an jeder Ecke deutlich, wie junge Menschen vor Kurzem dem Szene-DJ gehuldigt haben. Wie jung fühlt sich eigentlich der Mann, der den Welthit „Forever Young“ geschrieben hat? „Ich hasse es, alt zu werden. Alt werden bedeutet routinierter zu leben und zu agieren“, gibt er zu. „Routine ist für die Umsetzung meiner Musik natürlich praktisch, aber man muss immer offen für neue Ideen sein. Meine Existenz als Künstler bedeutet für mich, nicht erwachsen werden zu müssen. Mein Leben ist eine Spielwiese, auf der man alles Mögliche machen kann, unter anderem auch Songs schreiben.“ Genauso spielerisch haben wir bald das letzte Foto im Kasten und können glücklich das Set abbauen. Was fehlt Marian Gold zum Glück? „Das größte Glück bedeutet für mich, wenn ich weiterhin Künstler sein darf und mich die Musen weiterhin küssen. Ich will Musiker sein, bis an mein Lebensende. Schließlich gibt es keinen besseren Zustand, als auf der Bühne zu stehen und tausende Menschen mit unserer Musik zu begeistern. Das ist ein einzigartiges Gefühl, wie ein bekiffter Phoenix.“
(Text: Simone Müller)











oder warum männer eine uhr tragen
die kürzeste nacht
nach dem hellen erwacht
im rhythmus der zeit
dem mann zum geleit
die kürzeste nacht
liegt in weiblicher macht
schau sie an und erfreu
am scheibchen todesstreu
der längste tag
der nichts mehr vermag
im jenseits belacht
im hier noch bedacht
die meister erhalten
wie kluge gestalten
was ordnung erschafft
und chaos verpafft
patrice 21.06.2011