Mit mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern, sieben Nummer 1 Studioalben in Folge und weltweit ausverkauften Stadien zählen die einstigen Elektro-Pioniere zu den größten Popbands auf diesem Planeten. Provocateur sprach mit Depeche Mode-Sänger Dave Gahan darüber, wie er am Pool mit Paul McCartney und den Stones abhing, welche Tricks er von David Bowie geklaut hat und was Donald Trump von der Berliner Mauer lernen sollte.

Tausend Menschen. Das klingt viel. Ist aber eigentlich wenig. Zumindest für eine Band, die es gewohnt ist, ganze Fußballstadien zu füllen. Wir befinden uns im Berliner Funkhaus, wo Depeche Mode anlässlich des Release ihres 14. Studioalbums „Spirit“ ein kleines, intimes Konzert geben. So klein allerdings auch wieder nicht: Dank Livestreaming-Technologie wird es als 360-Grad-Video an mehrere Millionen Menschen auf der ganzen Welt übertragen.

In der Mitte der Bühne: Frontmann Dave Gahan, in schwarzem Seidenhemd, roter Seidenweste und knallroten Glitzerstiefeln. Über eine Stunde singt, tanzt und schwitzt er. Hauptsächlich zu den Songs aus dem neuen Album. Und zum Ende noch einmal „Personal Jesus“, weil’s so schön ist. Und sich die Fans natürlich darüber freuen. Am nächsten Tag treffen wir Dave in seinem Hotelzimmer im Waldorf Astoria. Anders als auf dem Konzert ganz unspektakulär im langärmeligen Poloshirt und schwarzer Hose.

Nur seine Sonnenbrille und der Totenkopfring an seiner rechten Hand zeugen davon, dass hier ein Rockstar vor uns sitzt. Ein Rockstar in Plauderlaune. Er erzählt uns, dass er neben dem Album gerade eine neue Version von David Bowies „Heroes“ aufgenommen hat, wie er auf der letzten Tournee mit den Stones und Paul McCartney am Hotelpool abgehangen ist, und warum Politiker wie Donald Trump ein Schritt zurück sind in der zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit.

depeche mode live

Gestern befanden sich im Berliner Funkhaus gerade einmal tausend Menschen, wie fühlt sich ein Konzert in so einem intimen Rahmen an?

Das war schon etwas Besonderes. Man konnte sämtliche Zuschauer sehen und die Bühne war viel heller beleuchtet als sonst, da das Konzert gefilmt und live ins Internet übertragen wurde. Wir fühlten uns sehr exponiert. Zumindest die ersten paar Songs.

Exponiert? Normalerweise spielen Sie in Stadien vor 70.000 oder 80.000 Menschen.

Dort sehe ich aber nur die ersten paar Reihen. Aber sobald ich einmal drin bin in meiner Performance, wird das ohnehin unwichtig. Dann werde ich zu diesem Charakter, der da vorne auf der Bühne steht. In dem Moment bekomme ich nur noch am Rande mit, was um mich herum passiert, ich verliere mich dann völlig in dem Song, den ich gerade singe.

Wie fühlt sich dieser Moment an, kurz bevor man auf die Bühne geht? Hat ein alter Hase wie Sie immer noch Lampenfieber?

Ja, dieses Gefühl ist definitiv noch da. Die Angst, die Anspannung, das fühlt sich so an, als würde man seinen

eigenen Körper von außen betrachten. Und dann kommt der Moment der Wahrheit, man muss sich zusammenreißen und loslegen. Wenn man dann nicht alles gibt, wird es schwierig. Dem Publikum kann man nichts vortäuschen. Die spüren sofort, wenn man nicht mit ganzem Herzen dabei ist.

Das sieht sehr anstrengend aus. Ihre Auftritte gleichen beinahe einem Fitness- Workout.

Und gestern ging nur eine Stunde. Normalerweise dauert ein Konzert von uns über zwei Stunden, das ist schon ein Unterschied. Ich muss mich manchmal richtig zügeln. Wenn ich die ganze Zeit Vollgas gebe, bin ich nach einer Stunde total fertig. Und dann denkt man sich, verdammt, das geht hier noch mindestens eine weitere Stunde. Man muss sich seine Energie einteilen. Gestern an dem Abend war es außerdem besonders heiß, vermutlich wegen der vielen Lichter. Ich bin richtig ins Schwitzen gekommen.

depeche mode new york

Das war das erste Depeche Mode-Konzert, das als 360-Grad-LiveStream übertragen wurde. Was halten Sie davon, dass nun plötzlich mehrere Millionen Zuschauer aus der ganzen Welt mittels Virtual-Reality-Brille bei Ihren Auftritten dabei sein können?

Das ist wirklich abgefahren und bietet den Zuschauern eine völlig neue Perspektive. Aber ich hatte schon vorher Kontakt mit dieser Technologie. Als wir das letzte Album aufgenommen haben, wurde auch ein 360-Grad-Video gedreht in einem Studio in New York.

Sprechen Sie von dem Konzert an der New Yorker High Line, in dem Sie auch den Song „Heroes“ von David Bowie neu aufgenommen haben?

Ja, genau. Das war aber kein Konzert, das war ein geschlossenes Set, nur ein paar Freunde und die Leute vom Studio waren anwesend. Und ja, da haben wir auch eine neue Version von „Heroes“ aufgenommen.

„Heroes“ gesungen von Dave Gahan. Das klingt spannend.

Ja, das war cool. Ich weiß noch nicht genau, wann wir den Song herausbringen, ich hoffe bald. Das Lied selbst ist bereits fertig abgemischt, nur das Video muss noch geschnitten werden.

Auch in Ihrem neuen Album „Spirit“ gibt es Anspielungen auf David Bowie, wie zum Beispiel in dem Song „Cover me“.

Stimmt, bei dem Song habe ich mich von „Life on Mars“ von Bowie inspirieren lassen. Zumindest metaphorisch. Bowie war schon immer eine große Inspiration für mich. Als ich noch ein Teenager war, sang er über Themen, die mich persönlich bewegten, darüber, dass man sich anders fühlt, entfremdet ist von dieser Welt.

depeche mode live

So wie David Bowie ein Idol Ihrer Jugend war, sind Sie nun der David Bowie für die Generation nach ihm.

Das klingt sehr schmeichelhaft, wenn Sie das sagen, aber für mich wird es immer nur einen David Bowie geben. Er hat so viele Künstler inspiriert, da kann ich froh sein, wenn ich dem nur ansatzweise gerecht werde. Aber genau wie Bowie habe ich viele meiner Ideen von anderen geklaut (lacht). Das Entscheidende ist nur, dass man einen Song auf seine eigene Art und Weise singt. Das habe ich auch von Bowie gelernt. Als Jugendlicher habe ich mir die Auftritte von Künstlern wie James Brown, Mick Jagger oder eben auch David Bowie genau angesehen, daher steckt ein bisschen was von allen in meinen eigenen Auftritten.

Weil Sie gerade Mick Jagger erwähnen, Sie sind selbst inzwischen 55 Jahre alt und seit knapp 40 Jahren im Musikgeschäft, fühlt man sich da langsam wie ein Rolling Stone?

Nicht ganz, da habe ich noch über 20 Jahre vor mir, bis ich an dem Punkt angekommen bin. Lustigerweise haben wir die Stones allerdings getroffen bei unserer letzten Tournee, in einem Hotel in Kalifornien.

Wirklich? Erzählen Sie mal!

Unser Schlagzeuger Christian (Eigner) hat sich super verstanden mit Charlie (Watts, Drummer von den Rolling Stones), die haben sich in seinem Zimmer stundenlang zum Thema Schlagzeug unterhalten. Charlie kam sogar später zu unserer Show im Troubadour in Los Angeles.

Hat ihm die Show gefallen?

Ja, er hat mir dann später, als wir am Hotelpool saßen, erzählt, dass er vor allem die Idee so lustig fand, dass er und unser Drummer Christian seit vielen Jahren das Gleiche erleben.

Was meinte er damit?

Na, dass er seit 40 Jahren sein Leben damit verbringt, irgendeinem Typen, in diesem Fall Mick Jagger, von hinten auf der Bühne zuzusehen, wie er seinen Arsch hin und her wackelt. Genau so ergeht es unserem Schlagzeuger vermutlich mit mir (lacht).

…LESEN SIE WEITER IN DER AKTUELLEN PROVOCATEUR-AUSGABE!

Das Album

depeche mode album spirit

Keine Revolution, dafür politischer Spirit
Das mittlerweile 14. Studioalbum „Spirit“ erschien Mitte März in Deutschland, gefolgt von der im Mai gestarteten weltweiten „Global Spirit Tour“. Insbesondere die Lieder „Going Backwards“ und „Where is the Revolution“ sprechen einen deutlich politischeren Ton, als man es von vorangegangenen Alben der Band gewohnt war.

INTERVIEW: Michael Brunnbauer
FOTOS:
©
Anton Corbijn