Er spielt, rauft und schmust mit wilden Löwen, ohne dass ihm etwas passiert. Denn er wird von den Tieren als einer der ihren akzeptiert. Wie er das geschafft hat? Das haben wir uns auch gefragt. Auf ein Wort mit Kevin Richardson, dem Löwenflüsterer aus Südafrika.

Seit fast zwei Jahrzehnten arbeitet der 42-jährige Verhaltensforscher und Tierschützer Kevin Richardson nun schon mit Löwen und anderen Großkatzen wie Geparden oder Leoparden und sogar mit Hyänen zusammen. Die meisten Tiere kennen ihn von klein auf – und akzeptieren ihn als einen der ihren in ihrer Mitte. Das geht so weit, dass er ohne Gefahr mit ihnen raufen und spielen kann oder sich sogar zwischen ihnen schlafen legt oder mit ihnen schwimmen geht. Doch als Inhaber des Kingdom of the White Lion Parks liegt ihm natürlich vor allem der Schutz und Arterhalt der Tiere am Herzen. PROVOCATEUR sprach mit dem Südafrikaner über seine Arbeit, die damit verbundenen Gefahren und wie man sich verhalten sollte, wenn man in der Wildnis plötzlich einem Löwen gegenüber steht:

Mr. Richardson, warum genau nennt man Sie eigentlich den Löwenflüsterer?

Gute Frage. Dieser Begriff kam von der Presse und blieb dann irgendwie haften. Dabei ist Flüstern eigentlich das falsche Wort, wenn, dann bin ich schon eher so etwas wie ein Löwenbrüller (lacht). Anders reagieren diese Tiere nicht auf dich.

Sie arbeiten, spielen und raufen mit wilden Löwen. Warum werden Sie von den Tieren nicht verletzt oder angegriffen?

Das ist wie in einer Beziehung mit einer Frau. Man trifft sich ein paar Mal, man lernt sich gegenseitig kennen. Dann fängt man an, eine gewisse Intimität aufzubauen. Und irgendwann vertraut man sich gegenseitig.

Nur dass eine Frau kein 200 Kilo schweres Raubtier ist, das einen innerhalb von Sekunden töten kann …

Das Prinzip ist trotzdem das gleiche. Am besten ist es natürlich, wenn man das Tier bereits in jungen Jahren kennenlernt. Der älteste Löwe, mit dem ich noch eine Verbindung aufbauen konnte, war gerade anderthalb Jahre alt. Darüber hinaus wird es schwierig, da solche Großkatzen ab einem gewissen Alter keine Lust mehr haben, sich auf neue Beziehungen einzulassen.

Das ist bei Menschen auch nicht anders ab einem gewissen Alter.

Ja, Menschen und Löwen haben einiges gemeinsam. Auch Löwen sind sehr soziale Tiere. Man kann da richtige Beziehungen aufbauen, wenn man erst einmal von ihnen akzeptiert wird. Wenn mich ein Löwe anspringt, dann macht er das aus Freude, mich zu sehen. Einen Fremden würde er nie so anspringen, sondern erst einmal misstrauisch beäugen.

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Auch nicht, wenn er in Ihrer Begleitung zum Rudel kommt?

Nein, das wäre egal. Das funktioniert nicht wie bei Hunden, wo man jemanden vorstellen kann und dann wird der fürs Erste akzeptiert oder zumindest nicht angegriffen.

Als was werden Sie von den Löwen denn wahrgenommen?

Über diese Frage habe ich auch schon oft nachgedacht. Die Tiere wissen natürlich, dass ich ganz offensichtlich kein Löwe bin. Und Sie benehmen sich mir gegenüber auch deutlich vorsichtiger. Wenn zwei Löwen zum Beispiel miteinander spielen, kann es ganz schön wild und aggressiv zugehen, so wie sie mit ihren Krallen und Zähnen um sich schlagen. Mir gegenüber sind sie jedoch deutlich zahmer, wenn ich gebissen werde, dann nur ganz leicht. Sie können da wirklich unterscheiden.

Wie oft wurden Sie denn schon gekratzt oder gebissen?

Eine Menge (lacht). Löwen haben einfach sehr große Klauen und Zähne. Wobei es eher die Krallen als die Zähne sind, die einen erwischen. Aber das passiert meistens aus Versehen, beim Spielen. Denn wenn ein Löwe wirklich mit aller Gewalt zubeißen würde, dann wäre ich tot. Oder hätte einen Arm weniger. Aber bloß weil ein Löwe meinen Arm in seinen Mund nimmt, heißt es nicht, dass er mir gleich den Arm abbeißen wird. Manchmal sind sie auch einfach nur neugierig und schnappen zum Beispiel nach meiner Uhr.

Hoffentlich keine teure?

Das war eine ultrarobuste Uhr von Pro Trek, die speziell für den Outdoor-Bereich konzipiert ist. Bei meiner Arbeit mit den Löwen ging andauernd meine Uhr kaputt. Entweder war das Glas gebrochen oder das Armband gerissen. Bis ich mir im Jahr 2002 irgendwann eine Pro Trek gekauft habe.

Und die hat die Löwenbisse überstanden?

Ja, als wir die Uhr letztes Jahr versteigerten, lief sie immer noch ohne Probleme. Sie hatte im Armband ein Loch von einer Löwenkralle, brachte aber trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, 5.000 Dollar ein. Das Geld kam natürlich unserem Park zugute. Als der Uhrenhersteller Casio Pro Trek erfuhr, dass ich seit so vielen Jahren ihre Marke trage, nahm er mich als Botschafter unter Vertrag und schenkte mir das neueste Modell, eine PRW-7000. Die hat noch keinen einzigen Kratzer, obwohl ich sie schon ein Weilchen trage. Im Gegensatz zu mir, ich habe bestimmt schon tausend Kratzer abbekommen, wie sie an meiner Haut sehen können.

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Sind Sie beim Raufen mit den Löwen schon mal in echte Lebensgefahr geraten?

Ja, vor allem in meinen frühen Jahren. Da habe ich manchmal ein bestimmtes Verhalten falsch eingeschätzt. Inzwischen kann ich einem Löwen ansehen, ob ich lieber nicht in seine Nähe gehen sollte. Einmal hat mich ein vier Jahre alter Löwe auf den Boden geworfen und in den Hals gebissen. Ich blieb aber ruhig und er ließ von mir ab. Heute passiert mir das nicht mehr. Immerhin habe ich jetzt schon fast 20 Jahre Erfahrung, ich kann sofort sehen, ob ein Löwe gerade schlecht drauf ist oder in Ruhe gelassen werden will.

Was raten Sie einem Laien, wie er sich im Ernstfall verhalten sollte?

Also wenn der Löwe nicht gerade in Begleitung eines Weibchens ist oder von Jungen, die er beschützen will, würde er in den meisten Fällen ohnehin einfach weglaufen. Denn er sieht einen Fremden zunächst als konkurrierenden Jäger und somit als potenzielle Gefahr. Wenn ich einem wilden Löwen im Busch begegne, schaue ich ihm tief in die Augen und gehe langsam einen Schritt auf ihn zu. Dann denkt er, ich bin eine Bedrohung, und haut ab. Wenn man allerdings den Fehler macht, sich ängstlich zu benehmen oder gar wegzulaufen, wird man vom Löwen nicht mehr als Jäger, sondern als Beute wahrgenommen. Und er wird instinktiv anfangen, seine Beute zu jagen.

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Arbeit?

Mir ist vor allem wichtig, dass die Touristen nicht nur Bilder mit süßen kleinen Löwenbabys machen, sondern ihnen auch klar wird, dass viele von diesen Löwenbabys später als Trophäe an der Wand irgendeines Jägers landen. Man muss den Leuten bewusst machen, dass die Löwenpopulation Afrikas in den letzten Jahren rapide gesunken ist, mittlerweile auf rund 15.000 Tiere.

Nur aufgrund von Jägern?

Nein, das Jagen ist nur ein Faktor. Viel entscheidender ist, dass immer mehr natürlicher Lebensraum für die Tiere verloren geht. Wie viele andere Spezies auch muss der Löwe darunter leiden, dass der Mensch sich immer weiter ausbreitet.

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BISSFEST: Nachdem die alte Uhr schon einige Löwenklauen und -bisse abhaben musste, besitzt Richardson seit ein paar Monaten eine neue Pro Trek PRW-7000: „Im Gegensatz zu mir hat die Uhr noch keinen einzigen Kratzer.“ Preis: ca. 750 Euro

INTERVIEW: Michael Brunnbauer
FOTOS: Pro Trek

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